Der große Einkauf

Ist Ströer endgültig auf dem Weg zum Medienhaus?

Die Ströer-Konzernzentrale: Das neue Medienhaus?

Selbst für eingefleischte Beobachter der Medienszene kam die Nachricht überraschend: Der Kölner Werbevermarkter und OOH-Marktführer Ströer, längst als Konzern unterwegs zum integrierten Digitalvermarkter, verleibt sich Deutschlands meistbesuchtes Internetportal T-Online ein – und dessen Digitalvermarkter Interactive Media gleich noch mit dazu. Der Kaufpreis liegt bei rund 300 Millionen Euro und wird von Ströer in Aktien bezahlt, für die das Unternehmen eine Kapitalerhöhung durchführen will. Zwischenzeitlich war auch Springer im Rennen, doch die Preisvorstellungen sowie die hohe Personalstärke der bisherigen Telekom-Marken dürften am Ende Springer-CEO Mathias Döpfner abgeschreckt haben. Dabei war Interactive Media einst eine Gründung von Springer und später ein Joint-Venture von Telekom und Bild.

Aber als sei dem nicht genug, legt Ströer-Boss Udo Müller auch den Digitalvermarkter der führenden Tageszeitungsverlage OMS in den Einkaufswagen. Derzeit treibt Ströer die Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft voran. OMS gehört 33 Regionalzeitungsverlagen. Das Team verantwortet den Anzeigenvertrieb von deren Internetangeboten. Die OMS-Eigner sollen im Gegenzug zehn Prozent der Anteile an Ströers Digitaltochter Ströer Digital Group als Kaufpreis erhalten. Das expansive Kölner Unternehmen erwartet nach eigenen Angaben durch den geplanten OMS-Kauf einen jährlichen Beitrag zum Umsatz von 30 Millionen Euro. Unter den OMS-Gesellschaftern sind Verlage wie die Rheinische Post Mediengruppe, Ippen, Madsack und die Südwestdeutsche Medienholding. Ströer vermarktet bereits die digitalen Werbeflächen für den ebenfalls in Köln beheimateten DuMont-Verlag.

Ströer-Vorstandschef Udo Müller will den Umsatzanteil von Digitalinhalten von aktuell einem Viertel in den kommenden Jahren auf rund 50 Prozent hochschrauben – und sein Unternehmen nennt den Deal mit der Telekom den „entscheidenden Schritt zum digitalen Multi-Channel-Medienhaus“. Udo Müller über den Zukauf: „Die Transaktion markiert den Beginn einer neuen Ära für unser Unternehmen. T-Online ist eine Markenikone des deutschen Digitalgeschäfts. Wir sind überzeugt, dass wir über die Ressourcen verfügen die ‚most trusted online brand‘ Europas erfolgreich weiter zu entwickeln.“

Nun macht sich der Vermarkter Ströer Digital zur klaren Nummer eins in der deutschen Digitalvermarkter-Landschaft – abgesehen von Facebook und Google. Ströer wird nun also endgültig zum Inhalteproduzenten. In der Ströer Content Group, die bislang eher eine Nebenrolle spielte, rechnet das Unternehmen mit einer besseren Kapitalisierung der Inhalte von T-Online und mit Synergien in beide Richtungen. So solle der Content von T-Online zum Beispiel über das Public-Video-Netz in Bahnhöfen und Einkaufszentren ausgespielt werden. Allerdings ist das Portalgeschäft auch ein gehöriger Brocken, der Ströers Digitalbusiness deutlich umkrempeln dürfte: Denn bei T-Online arbeiten 255 Mitarbeiter, die täglich Inhalte produzieren und das Portal am Laufen halten.

Was für die Telekom nicht mehr in die Konzernstrategie passt, ist für Ströer vermutlich ’perfect fit’: Man vermarktet Werbung an Bushaltestellen oder Plakatwänden, bespielt in Bahnhöfen die Bildschirme mit Reklame – ein Onlineportal könnte sich ziemlich gut einfügen. Und sei es als zusätzliche Content-Schnittstelle.: Etwa wenn die T-Online Inhalte dann auch auf dem Bahnhof zu sehen sind.

Über Detlev Brechtel 108 Artikel
Editor-in-Chief & Digital Strategy.
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