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Ausgabe 05/2009

Das Auge baut mit


Augmented Reality, die erweiterte Realität, ist eines der derzeit spannendsten Zukunftsthemen, verknüpft sie doch Gegenstände, Installationen oder Bauten mit erweiternden Informationen. Die Entwickler suchen nun selbst Anknüpfungspunkte: zur Werbewirtschaft, zur Agenturszene und auch zur Außenwerbung.

Wenn die Webcam das Bild der Anzeige erfasst hat, modelliert sich das Modell des Mini am PC.
Wenn die Webcam das Bild der Anzeige erfasst hat, modelliert sich das Modell des Mini am PC.

Hand aufs Herz  wissen Sie, was Augmented Reality ist? Sicher ist es keine weitreichende Schande, den Begriff nicht genau erklären zu können. Aber: Das könnte sich bald ändern, denn die Erweiterte Realität ist eines der Zukunftsthemen in einer an Visionärem und weniger Visionärem nicht armen Internetwelt 2010. Unter Augmented Reality versteht man laut Wikipedia die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung durch die Darstellung zusätzlicher Informationen. Soll heißen: Ich betrachte ein Produkt durch meine Kameralinse oder halte es vor eine Webcam  und auf wundersame Weise entstehen lebensechte 3-D-Welten, die es mir näherbringen oder sogar komplett visualisieren.

So kann beispielsweise ein Kind im Spielzeugladen die Lego-Schachtel vor die integrierte Kamera eines Bildschirms halten und sieht dort in Echtzeit, wie das fertige Bauwerk in Wirklichkeit aussehen soll  Drehen und Wenden inklusive. Eine integrierte Software erkennt das Bild, das auf dem Screen lagegerecht dargestellt wird. Ein spezieller Code, wie wir ihn vom so genannten Virtual Tagging bereits kennen, muss dabei nicht mehr an dem Produkt angebracht sein. Denn: In einer Datenbank sind die wesentlichen Inhalte hinterlegt, so dass die Anwendung nach dem Tracking, also dem Erkennen, zum Rendering übergeht  der Visualisierung des 3D-Contents.

Ikea nutzt innovatives Tool für Verkauf und Kundenservice

Ein paar spektakuläre Beispiele gibt es schon: So lassen sich beispielsweise mit der Ikea PS Einrichtungskamera beim schwedischen Möbel-Spezialisten Teile im Raum positionieren und somit vor einem Kauf überprüfen, ob sie tatsächlich in die häusliche Einrichtung passen. Das bietet Ikea natürlich noch nicht flächendeckend an, und bislang können auch erst acht Möbelstücke ausprobiert werden. Die Anwendung zeigt dennoch eindrucksvoll, wie auch Unternehmen AR als Tool zum Verkauf und Kundenservice einsetzen können.

Oder der britische, zur BMW Group zählende Autohersteller Mini: Mithilfe von Augmented Reality wurde jüngst erstmals die Verbindung zwischen Print und 3D-Content geschaffen. Als Träger diente eine speziell aufbereitete Anzeige. Hält der User diese Anzeige unter mini.de/webcam in eine Internetkamera, erscheint das neue Mini Cabrio als virtuelles Modell. Der Clou: Die 3D-Daten sind innerhalb des Live-Bilds mit der Anzeige verknüpft. Der User kann das Fahrzeug also selbst drehen und wenden, Details ansehen und interagieren, wie es ihm gerade beliebt.

Ganz besonderer Wert wurde dabei auf die Qualität der Darstellung gelegt, sagt Jan Schlink, der beim mit der Umsetzung beauftragten Münchner AR-Spezialisten metaio für das Marketing zuständig ist: Das Auto ist bis ins kleinste Detail modelliert, zeigt hochwertige Texturen und Shader und macht wirklich Lust auf das echte Fahrzeug. Man sieht die Materialien, die Verarbeitung, die Armaturen aus jedem Winkel und bestens visualisiert.

Mini schlägt Brücke zwischen realer und digitaler Werbung

So wurde nicht nur erstmals die Brücke zwischen realer und digitaler Werbung geschaffen, sondern auch eine interaktive Benutzerschnittstelle etabliert, erläutert Schlink. Bis zu dieser Kampagne war Augmented Reality aus seiner Sicht weder bei den Verbrauchern noch in den Marketingabteilungen richtig angekommen. Als Technologie, die Ihren Ursprung eigentlich in der Computervision-Forschung und in industriellen Szenarien hat, wurde Augmented Reality überhaupt erst wenige Male und eher auf Messen oder speziellen Events zu Marketingzwecken eingesetzt.

Woher aber kommt bislang diese Zurückhaltung? AR ist zunächst keine ganz kostengünstige Technologie, sagt Metaio-Mann Schlink. Dennoch habe man bislang schon einige erfolgreiche Cases geschaffen. Visionäres kommt sehr oft aus Deutschland, aber dann schnappen es sich oft die US-Amerikaner und bauen es einfach, bedauert Schlink ein klassisches deutsches Problem  die Unsicherheit vor neuen, futuristischen Technologien.

In abgewandelter Form ist die erweiterte Realität dabei hierzulande schon länger bekannt, beispielsweise bei TV-Sportübertragungen im Fernsehen: Etwa um herauszufinden, ob ein Spieler im Abseits stand oder der Ball die Torlinie überschritten hat. Zu diesem Zweck werden einfach Abstandsinformationen über das Fernsehbild gelegt. Auch die Automobilindustrie, etwa Audi oder BMW, experimentiert seit einiger Zeit mit einer verwandten Technik, so genannten Head up Displays: Der Fahrer kann sich Informationen in die Frontscheibe einblenden lassen, ohne wie bei manchen Navigationssystemen den Kopf zur Seite drehen zu müssen. Die Idee dahinter: Mehr Sicherheit beim Fahren dank geringerer Ablenkung.

Kraftvolle Kombination aus Technik und Werbung

Doch welche Bedeutung kann die Augmented Reality nun für die Out-of-Home-Medien erlangen? Vermutlich eine recht hohe, denn nicht erst seit gestern experimentiert die Branche mit interaktiven Plakaten oder der Einbindung von Bluetooth-basierten Werbestrategien. Möglicherweise könnte AR die lange gesuchte Schnittstelle zwischen Out-of-Home-Medien und der vom Nutzer wirklich gewollten Interaktion sein. Etwa wenn man die Kamera seines Smartphones auf ein Plakat hält und dann dreidimensionale Inhalte betrachten kann. Oder sozusagen auf der Straße ein Involvement zu Werbekampagnen herstellen kann. Immerhin tragen viele Nutzer damit einen kleinen Rechner mit integrierter Kamera mit sich herum. In der Hand eines Menschen, der Interesse an Werbung und Technik hat, ist das eine ganz schön kraftvolle Kombination, verweist Schlink auf die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten bei der Werbewirtschaft.

Da unsere Gesellschaft zudem nicht nur immer mobiler wird, sondern auch in Sachen Handynutzung längst Vollabdeckung erreicht hat, muss man einfach von einer Zunahme der Mobile-Media-Kampagnen in der Außenwerbung ausgehen. Zumal die neuen Handygenerationen meistens über ansprechend große Displays verfügen und eines der wichtigsten Schubkräfte, das mobile Internet, ebenfalls langsam Raum greift. Schlink ist sich sicher, dass gerade die technik-affinen Außenwerber das Thema bald für sich entdecken: Vermutlich ist es einfach eine Frage der richtigen Kampagne zur richtigen Zeit. Dabei denkt er zunächst nicht an deutschlandweite Kampagnen, sondern eher an Leuchttürme, die ein erstes Zeichen setzen.

Das mobile Internet pusht die Entwicklung von AR

Mit dem Einzug des mobilen Internet in den Alltag der Menschen steht die Augmented Reality darüber hinaus derzeit vor ihrer wohl größten Evolutionsstufe. In den letzten Monaten sind jedenfalls eine ganze Reihe von AR-Applikationen für Smartphones veröffentlicht worden  und das dürfte lediglich der Anfang sein. Speziell Googles Android-Betriebssystem sowie das iPhone 3GS scheinen Entwickler angespornt zu haben, Anwendungen zu programmieren, die mittels Kamera, GPS/Kompass und Internetverbindung die Realität mit Informationen aus dem Web anreichern.

So hat Metaio selbst jüngst Junaio herausgebracht, ein iPhone-Client der Augmented Reality, der ortsbezogene Dienste (Location Based Services) und Social-Network-Techniken in einer Applikation zusammen unterbringt. Das Prinzip des Programms besteht darin, die eigene Umgebung mit mehr Informationen anzureichern und seinen Freunden oder Bekannten zur Verfügung zu stellen  anschließend lassen sich diese dann im Handy anzeigen. Momentan meldet man sich auf der Plattform an, bekommt einen eigenen Bereich und kann Animationen oder 3D-Rastergrafiken, aber auch Text an mit Geokoordinaten versehene Elemente kleben und den Freunden mitteilen. Die Inhalte und Tags lassen sich selber erstellen, der Nutzer kann sich aber auch in einer Datenbank mit vorgefertigten Elementen bedienen.

Medienexperten sehen neue Lösungen in vielen Bereichen

Medienexperten wie die Mobile-Marketing-Beraterin Heike Scholz, Berlin, sehen in derlei Applikationen sinnvolle, jetzt teilweise noch nicht zu erahnende Lösungen etwa für den Logistikbereich, das Empfehlungsmarketing, das Geotagging und viele andere mehr. Selbst Ladenbesitzer könnten ein virtuelles Couponing an der Fassade ihres Ladens hinterlegen, Touristen sich an virtuellen Walls verewigen oder Kommentare schreiben. Mal schauen, wann die erste werbliche Nutzung dieser Technik auftaucht, sagt Scholz. Glasklar scheint der Mehrwert für Touristen, die über eine mobile Anwendung direkte Erklärungen zu Sehenswürdigkeiten erhalten. I-Phone-Applikationen wie Metro Paris Subway gehen bereits in diese Richtung und zeigen dem Fahrgast mithilfe der Videokamera nicht nur die nächste U-Bahnstation an, sondern auch die umliegenden Sehenswürdigkeiten.

Detlev Brechtel